DITA - DIE DIGITALE TAGESZEITUNG FÜR ÖSTERREICH                  GRAZ         29. 05. 2018

Miteinander von Jugendarbeit und lebendiger Gedenkkultur

Foto: Stadt Graz/Fischer

Foto: Stadt Graz/Fischer

Vor rund einem Jahr wurden im Rahmen der Bauarbeiten für das neue Jugendzentrum Grünanger Fundstücke aus den 1940er-Jahren gefunden, als das Grundstück Teil des Lagers Liebenau war. In die- sem waren zuerst Flüchtlinge aus dem Sudetenland und später Zwangsarbeiter für die Puchwerke so- wie den Ostwall untergebracht.


In enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt wurden die Fundstücke freigelegt und gesichtet. Durch Adaptionen am Projekt war es möglich, die Bauarbeiten zügig fortzusetzen, sodass das Jugend- zentrum mit Dezember 2017 an die Jugendlichen vor Ort übergeben werden konnte.


„Von Seiten der Stadt Graz wurden sofort nach Bekanntwerden der Funde alle notwendigen Schritte eingeleitet, um die zuständigen Stellen, wie etwa das Bundesdenkmalamt, mit der Thematik zu befas- sen. Diese Zusammenarbeit hat ausgezeichnet funktioniert“, erklärt Bildungs-, Jugend- und Familien- stadtrat Kurt Hohensinner, „unser gemeinsames Ziel war es an diesem geschichtsträchtigen Ort ein po- sitives Miteinander von in die Zukunft gerichteter Jugendarbeit und lebendiger Gedenkkultur zu ermögli- chen.“


Für alle Beteiligten, insbesondere Stadt Graz und WIKI als Betreiber des Jugendzentrums war es be- sonders wichtig, dass die Jugendlichen auch über die Vergangenheit des Standorts Bescheid wissen. Die in der Offenen Jugendarbeit gelebten und erlebten Werte wie Toleranz, Gleichheit, Offenheit, Mitbe- stimmung, Rücksichtnahme sollen hier noch stärker in den Vordergrund rücken. So wurde die Vergan- genheit des Standorts mit den Jugendlichen vor Ort nicht nur thematisiert, sondern mit den Fundstücken auch erlebund begreifbar gemacht. Die Ausgrabungen auf der JUZ-Baustelle boten die Gelegenheit dazu. Bei einer Führung mit einem Archäologen erfuhren die Jugendlichen viel Interessantes und konn- ten einen beklemmenden Ausflug in den freigegrabenen Luftschutzdeckungsbunker machen. Fragen zum Krieg und Nationalsozialismus tauchten auf. Mithilfe der „ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassis- mus“ wurde das Thema in einem dreiteiligen Workshop mit den Jugendlichen vor Ort aufbereitet.  Im Gedenkjahr 2018 wurden darüber hinaus die Themen Demokratie, Vergangenheit und Zukunft in Work- shops thematisiert.


Zum Abschluss der Workshop-Reihe entstand mit dem Künstler Fritz Neuhold ein Kunstwerk, das nun im Eingangsbereich des neuen Jugendzentrums an die Opfer des Lagers Liebenau erinnert. Dieses wurde ebenso gemeinsam mit den Jugendlichen kreiert. Dazu durften nach Rücksprache mit dem Bun- desdenkmalamt auch Original Fundstücke verwendet werden. Dieses wird auch immer wieder von Pas- santen fotografiert und bewegt ältere Menschen aus dem Einzugsgebiet dazu beim Jugendzentrum ein- zukehren, und zu erzählen, wie sie selbst diese Zeit erlebt haben. „Nur durch eine aktive Erinnerungs- kultur können wir sicherstellen, dass die Gräueltaten dieser Zeit nicht vergessen werden. Mit bewusst- seinsbildenden Maßnahmen wie diesen schaffen wir an diesem Standort die notwendige Sensibilität für die Geschichte des Ortes“, mahnt Hohensinner.


„Wir müssen unsere Vergangenheit kennen, um die Zukunft positiv gestalten zu können. Ich möchte das Gedenkjahr nutzen, um vor allem auch Kinder und Jugendliche für dieses Thema zu interessieren und zu sensibilisieren. Den Grundstein für ein sensibles Geschichtsbewusstsein müssen wir bereits bei un- seren Jüngsten legen. Projekte wie jenes im Jugendzentrum Grünanger leisten daher einen wichtigen Beitrag, um Geschichte sichtbar und greifbar zu machen. Ich bedanke mich sehr herzlich bei den Ver- antwortlichen des Projekts und vor allem bei den Jugendlichen für die Gestaltung des Kunstwerks, das an die Opfer des Lagers Liebenau erinnert“, so Staatssekretärin Karoline Edtstadler.


„Jugendzentren sind wichtige Anziehungspunkte und Orte des Miteinanders und des positiven Aus- tauschs. Deshalb investieren wir auch weiter in diesem Bereich. Mit dem Neubau der beiden Jugend- zentren Grünanger und Echo haben wir im vergangenen Jahr ein kräftiges Zeichen für die Zukunft der Grazer Jugendkultur gesetzt“, so der Jugend- und Familienstadtrat. Ziel ist es, nicht nur neue Räume für die Jugendlichen zu schaffen, sondern auch sicherzustellen, dass jene, die sie später nutzen werden, diese auch selbst gestalten und sich entfalten können. Das JUZ Grünanger ist ein Best-Practice-Bei- spiel für diesen Zugang. So wurde das Haus im Dezember beinahe leer übergeben und die Jugendli- chen waren von Anfang an in Fragen der Gestaltung und Einrichtung miteingebunden. Gemeinsam mit dem Jugendbeschäftigungsprojekt „heidenspaß“ wurde die Inneneinrichtung konzipiert und das eigene handwerkliche Geschick erprobt. Ein Großteil der Inneneinrichtung wurde von den Jugendlichen erdacht und in der Begleitung von Professionisten umgesetzt. Auch hier finden sich Anspielungen auf die Ge- schichte des Standorts. So finden sich etwa im Barbereich Alltagsgegenstände wie Brillen, Schuhe etc, die von schweren Holzbalken verdeckt und doch sichtbar sind. Eine weitere Besonderheit in diesem Ju- gendzentrum ist die topmoderne Küche. Diese wurde von der Firma Cookina gesponsert, da das The- ma Kochen ebenfalls eine wichtige Rolle im Konzept des Jugendzentrums einnimmt.


Außerdem verfügt das Jugendzentrum Grünanger über eine Werkstatt, in der Jugendliche Dinge repa- rieren können, oder auch selbst etwas zusammenbauen können. Zentral ist das Ausprobieren. Das Team des Jugendzentrums begleitet die Jugendlichen dabei und garantiert neben dem handwerklichen Schwerpunkt einen ansprechenden Rahmen. Auch die sportlichen Aktivitäten kommen nicht zu kurz, wie beispielsweise Tischtennis oder Skaten am angrenzenden Skaterpark Grünanger. Außerdem steht das multiprofessionelle Team den Jugendlichen mit Rat und Tat in schwierigen familiären oder schuli- schen Angelegenheiten zur Seite. Darüber hinaus gibt es im Jugendzentrum Grünanger einen Jugend- coach, der gemeinsam mit den Jugendlichen berufliche Perspektiven entwickelt.